So kreieren Sie Zukunftsbilder
Eine Anleitung von Anne M. Schüller in zehn Schritten
Foto: KI-generiert, Freepik
Was derzeit weitläufig fehlt, sind mitreißende Fortschrittserzählungen, plakative Zukunftsbilder und mobilisierende Zukunftsnarrative. Deshalb eiert alles so rum. Die Vorstellung von einer erstrebenswerten Zukunft schweißt zusammen und motiviert, in die richtige Richtung zu laufen. Zehn Schritte führen dabei zum Ziel.
Wer die Zukunft erreichen will, muss ein Bild davon haben, wer er in Zukunft sein will und was er dort tut. Doch viele Unternehmen plagt kognitive Zukunftskurzsichtigkeit. Der Erfolg von gestern sagt nämlich rein gar nichts über den Erfolg von morgen. Die Suche nach zukünftigen Wachstumsfeldern muss also sehr frühzeitig beginnen. Ein Zukunftszielbild ermöglicht fundierte Einsichten in weit vorausliegende Entwicklungen im Umfeld des Unternehmens und seines Geschäftszwecks.
Die Verantwortlichen bekommen auf dieser Basis ein feines Gespür für Chancen und Risiken, können rechtzeitig Anpassungen vornehmen, mit Bedacht Weichen stellen und müssen seltener auf unerwartete Ereignisse reagieren. Stehen Entscheidungen an, können sie auf „Vorgedachtes“ zurückgreifen sowie schneller und umsichtiger handeln. Um dies in Gang zu bringen, empfehle ich folgendes 10-Schritte-Programm:
In 10 Schritten zu Zukunftsbildern
Schritt 1: Eine Future Taskforce zusammenstellen
Stellen Sie zunächst eine Future Taskforce zusammen. Diese ist crossfunktional, interhierarchisch, genderübergreifend, interkulturell und sowohl mit erfahrenen als auch mit jungen Leuten besetzt. Am besten involvieren Sie im Vorfeld einen externen Profi, etwa einen Futurologen, der die maßgeblichen Trends mit den Teilnehmenden diskutiert und die jeweiligen Szenarien mitentwickelt. Die Erfahrung zeigt, dass firmeninterne Teilnehmer:innen unerwünschte Aspekte womöglich verharmlosen oder negieren, die erwünschten hingegen übertrieben optimistisch darstellen.
Schritt 2: Die Ausgangsfrage formulieren
Gleich zu Beginn wird eine Ausgangsfrage formuliert, etwa so: „In welcher Arbeits- und Lebenswelt werden wir uns im Zukunftsjahr X befinden?“ Noch zielführender ist eine Konkretisierung. Zum Beispiel klingt das bei einem Bauträger so: „Wie sieht die Lebenssituation Wohnen mit Blick auf Digitalisierung und Klimaaspekte in 20 Jahren in Berlin aus und welche Einflüsse werden auf Bauträger, Hausverwaltungen und sonstige Teilnehmer im Immobilienmarkt wirken?“
Schritt 3: Die Zielzeitachse bestimmen
Die zu wählende Zeitachse ist je nach Branche verschieden. So unterliegt die kurzlebige Digitalindustrie ganz anderen Zeitzyklen als der sehr langfristig orientierte Städtebau. In aller Regel ist ein Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren sinnvoll.
Schritt 4: Die maßgeblichen Trends erforschen
Für diesen Schritt braucht es ausreichend Zeit und eine notwendige Menge an Vorlauf. Zunächst befassen wir uns mit den maßgeblichen Trends. Hierbei sind besonders die Langzeittrends von Bedeutung. Ergänzend sind die branchenspezifischen Trends zu betrachten. Wie Sie diese finden? Namhafte Consulting-Firmen, führende Futurologen und Zukunftsforschungsinstitute haben mithilfe wissenschaftlicher Methoden und computergestützter Simulationen Szenarien für eine Vielzahl von Industrien, Märkten und Lebenssituationen entwickelt, die teils kostenlos auf deren Webseiten abrufbar sind.
Bei technologischen Entwicklungen ist der Gartner Hype Cycle von Interesse, der unter anderem den Reifegrad einer jeweiligen Technologie zeigt. Wer internationale Ambitionen hat, wird bei Amy Webb fündig. Sie zählt zu den bedeutendsten Futurologen weltweit. Ihre kostenfreien jährlichen Trendstudien werden millionenfach heruntergeladen. Ergänzende Online-Recherchen, Einblicke in fortschrittliche andere Branchen, Videos, Podcasts und Interviews mit Zukunftsexperten vertiefen die Analyse.
Schritt 5: Veränderungskräfte identifizieren
Hierzu betrachten wir die maßgeblichen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einflüsse sowie die möglichen Triebkräfte, sogenannte Driving Forces, die von außen auf eine Branche und speziell auf das eigene Unternehmen langfristig einwirken können. Im Beispiel des Wohnens sind das die Demografie, der Wohnbedarf, Zu- und Abwanderung, die Einkommenslage, gesetzliche Vorschriften, Infrastruktur, Verkehr, Büro- und Gewerbeflächen, Shoppingverhalten, Energieversorgung, Wasserversorgung, Begrünung, Naturschutz, Smart City, Sicherheit und vieles mehr.
Schritt 6: Mögliche Szenarien entwickeln
Bestimmen Sie nun die Szenarien, mit denen Sie sich ausführlich befassen wollen. Ich empfehle, drei Szenarien aufzusetzen, in aller Regel sind es diese:
ein Beste-aller-Welten-Szenario,
ein Sehr-wahrscheinlich-Szenario,
ein Schlimmster-Albtraum-Szenario.
Bilden Sie für jedes Szenario eine eigene Arbeitsgruppe. Wichtig: Bei der Entwicklung der Szenarien geht es um mögliche Verläufe, nicht um das für ein Unternehmen Machbare. Und ja, dabei müssen wir uns auch mit Albtraum-Szenarien befassen, um Klarheit darüber zu gewinnen, welche Zukunft wir für uns ganz sicher nicht wollen.
Schritt 7: Future Personas konzipieren
Kreieren Sie für jedes Szenario eine Future Persona, die in diesem Szenario lebt. Personas sind realitätsnahe, prototypische Stellvertreter einer Personengruppe. Im Zukunftsmanagement beschreibt ein Persona-Profil einen zwar fiktiven, aber dennoch charakteristischen Menschen und sein Umfeld im anvisierten Jahr. Es beschreibt typische Handlungen, Eigenschaften, Vorgehensweisen und Erwartungshaltungen.
Stellen Sie sich dazu Fragen wie diese: In welcher Umwelt wird die prognostizierte Person im Zukunftsjahr leben? Wie wird sie arbeiten? Wo und wie wird sie kaufen und konsumieren? Von welchen Trends wird sie beeinflusst? Was sind die vorherrschenden Themen ihrer Zeit? Von welchem gesellschaftlichen Kontext ist sie umgeben? Was wird diese Persona begeistern und was wird sie enttäuschen? Entwickeln Sie auf dieser Basis eine Story, die von einer Passage im künftigen Leben dieser Persona erzählt.
Schritt 8: Passende Handlungsfelder fixieren
Wählen Sie in diesem Schritt aus, mit welchem der Szenarien Sie sich näher befassen wollen. Die Teilnehmenden aus den nicht favorisierten Szenarien stoßen dazu, um zu bereichern oder vor potenziellen Gefahren zu warnen. Definieren Sie dann die Handlungsfelder, die sich für Ihr Unternehmen fortan ergeben. Unser Bauträger könnte sich zum Beispiel auf Zukunftskonzepte wie Co-Living, Co-Working, Co-Gardening und Co-Mobility konzentrieren.
Schritt 9: Die Zukunftsstrategie definieren
Zunächst geht es nun um das Zukunftszielbild des Unternehmens, sprich, welche Idealpositionierung es in der betrachteten Zukunft haben will. Daraus wird die Zukunftsstrategie abgeleitet. Dann werden die Etappenschritte definiert, die nötig sind, um die anvisierten Ziele zu erreichen. Um nicht der Gefahr zu erliegen, die Zukunft aus der Vergangenheit und Gegenwart heraus einfach fortzuschreiben, bedienen wir uns der Retropolation, auch Backcasting oder Regnose genannt.
Dabei wird, ausgehend von der beschriebenen Zukunft im Zieljahr, in festgelegten zeitlichen Schritten rückwärtsgehend abgeleitet, was jeweils bis zu einem bestimmten Zeitpunkt getan sein muss, damit die gewünschte Zukunft Wirklichkeit werden kann.
Zum Beispiel lautet die Frage im Fall eines Fünfjahreszeitraums: „Wenn wir in fünf Jahren ein Zielbild X erreichen wollen, welche Maßnahmen müssen in vier, drei, zwei, einem Jahr ergriffen worden sein, um dorthin zu gelangen?“ Oder bei einem Albtraumszenario in zehn Jahren: „Welche Maßnahmen müssen in acht, sechs, vier, zwei Jahren ergriffen worden sein, damit uns das ganz sicher nicht passiert?“

Schritt 10: Umsetzungspläne initiieren
Nachdem die Handlungsfelder fixiert, Zukunftszielbild und -strategie definiert sowie die sich aus der Retropolation ergebenden Etappenschritte festgelegt sind, werden die notwendigen Umsetzungspläne entworfen. Auf diese Weise stolpern Unternehmen nicht länger durch die Umstände getrieben voran, sondern projektieren ihre Zukunft aus der Vorausschau heraus und in einem gesamtheitlichen Kontext. Wie all das ganz genau funktioniert, habe ich in meinem neuen Buch „Zukunft meistern“ ausführlich erläutert.

Das Buch zum Thema
Anne M. Schüller: Zukunft meistern. Das Trend- und Toolbook für Übermorgengestalter
Gabal Verlag 2024, 232 S., 29,90 €. ISBN: 978-3-96739-181-7

Anne M. Schüller ist Managementdenkerin, Keynote-Speakerin, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das narrative Touchpoint-Management und eine zukunftsfähige Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Tagungen, Fachkongressen und Online-Events. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Beim Business-Netzwerk LinkedIn wurde sie Top Voice 2017 und 2018. Von Xing wurde sie zum Spitzenwriter 2018 und zum Top Mind 2020 gekürt. 2024 wurde sie als Unternehmerin der Zukunft ausgezeichnet. www.anneschueller.de
