KI ist kein Tool-Thema – es ist ein Organisationsthema

Florian Haller, CEO der Serviceplan Group | MedienNetzwerk Bayern

Published: 21.4.2026 | Photo / Video: AI generated, Freepik

Serviceplan-Group-CEO Florian Haller über den Aufbau des "House of AI", den Marktplatz Sokosumi und die Frage, warum Geschwindigkeit nur dann zählt, wenn Markenidentität und Qualität mithalten können. Ein Interview von Petra Schwegler aus dem Blog der Medientage München.

Serviceplan setzt mit Sokosumi seit 2025 auf "Pay-per-Use-KI-Agenten" für Workflows. Das senkt Produktionskosten. Wie messen Sie intern, ob gespartes Budget auch wirklich als Bares beim Kunden ankommt?

KI-Agenten übernehmen heute viele repetitive Aufgaben – etwa Research, Datenaufbereitung oder Teile der Produktion – und das reduziert natürlich den zeitlichen Aufwand.

Eine viel größere Chance liegt allerdings in der strategischen Aufwertung, dessen, was Kunden von Agenturen erwarten können, wenn AI eingesetzt wird. Dann entsteht Differenzierung nicht über den Preis, sondern über bessere Insights, bessere Kreation und bessere Aktivierung und das bessere Kuratieren von AI-generierten Inhalten.

Mit Sokosumi bauen Sie einen KI-Agenten-Marktplatz, auf dem auch Drittanbieter ihre Agenten listen können. Ist das noch Agenturgeschäft – oder ist die Serviceplan Group damit auf dem Weg zum Tech-Unternehmen, das auch Plattform-Services im Angebot hat?

Als Agenturgruppe haben wir immer die Needs unserer Kunden im Blick. Mit dem Marktplatz haben wir ein Angebot geschaffen, das Unternehmen ermöglicht, spezialisierte KI-Agenten wie digitale Freelancer einsetzen zu können.

Sokosumi ergänzt und verknüpft unsere gewohnten Agenturangebote: Denn Agentic Services ermöglichen die Interaktion und damit die Klammer über all unsere AI-Anwendungen und Angebote hinweg.

„Das verändert schon unser Geschäftsmodell, aber nicht unsere Rolle – wir verbinden weiterhin Kreativität, Strategie und Technologie“

Die neue Kreativ-Partnerschaft mit Luma AI bringt KI-generierte Bewegtbild-Kreation in die Serviceplan-Welt. Wenn KI-Inhalte erzeugt, die sofort ausgespielt werden – wie sichern Sie, dass Markenidentität und Qualität nicht auf der Strecke bleiben?

KI beschleunigt die Produktion, ersetzt aber nicht die Markenführung. Deshalb integrieren wir Künstliche Intelligenz nicht isoliert, sondern in unsere professionellen Workflows – von Strategie über Kreation bis zur Ausspielung. Unsere Teams definieren weiterhin Tonalität, Story und Markenleitplanken. Die KI unterstützt dann bei der Umsetzung und Skalierung.

Mit Partnern wie Luma AI bauen wir genau diese kontrollierten Prozesse auf, damit Geschwindigkeit nicht auf Kosten von Qualität oder Markenidentität geht.

Ihre Session im Rahmen des MTM SPECIALS AI & MEDIA fragt, wie KI Geschäftsmodelle mit neuen Erlösen schaffen kann. Ihre Gruppe setzt auf datengetriebene Ausspielung für maximalen Zuschauerwert. Aber gerade bei Reichweitenmedien – TV, Audio, Display – zahlen Werbungtreibende noch immer primär für Kontakte. Wann und wie löst sich dieses Grundprinzip durch KI-basierte Zuordnung auf?

Der Wandel wird schrittweise passieren. Reichweiten bleiben wichtig, aber KI verschiebt den Fokus von reinen Kontakten hin zum tatsächlichen Wert eines Zuschauers oder Nutzers. Wenn wir Inhalte, Kontext und Nutzerverhalten in Echtzeit analysieren können, wird Werbung zunehmend nach Wirkung bewertet – also nach Engagement, Conversion oder Markenwirkung. KI ermöglicht diese Zuordnung erstmals im großen Maßstab. 

„Das bedeutet: Reichweite bleibt die Grundlage, aber Wertschöpfung entsteht künftig stärker über datengetriebene Relevanz"

Serviceplan nutzt Sokosumi selbst intern und hat Luma AI als Technologiepartner gewonnen. Was war in der eigenen Transformation der überraschendste Lerneffekt – und was würden Sie jetzt anders machen?

Der größte Lerneffekt war, dass KI weniger ein Tool-Thema ist als ein Organisations-Thema. Die Technologie funktioniert oft schneller, als Unternehmen – und damit meine ich uns als Agentur, aber auch unsere Kunden – sie kulturell adaptieren können.

Mit unserem House of AI haben wir deshalb ein gesamtheitliches Ökosystem gebaut, dessen Zauber genau in der Interaktion und Verknüpfung der Einzeltools liegt.

"House of AI" – was haben wir genau darunter zu verstehen?

Das "House of AI“ ist unser digitaler Zwilling unserer Houses of Communication. Hier können KI-Services exakt in dem Umfang eingesetzt werden, der die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden am effektivsten erfüllt.

Je nach Bedarf aktivieren wir KI entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Mit unserer Global Data Platform, die jede Entscheidung untermauert, durch Insight.AI für das Verständnis über Zielgruppen, Creative.AI für Ideenfindung, Gestaltung und Skalierung sowie Activate.AI für mediale Distribution und Budgetoptimierung. Alles nahtlos verbunden durch Agentic.AI, unserer "Agency of Agents", die Menschen mit Agenten, Agenten mit Agenten und Kunden mit Ergebnissen verbindet.

Das House of AI ist ein ganzheitliches Betriebssystem für unsere Teams und unsere Kunden, das transformiert, wie wir denken, gestalten und arbeiten – und es macht richtig Spaß bei der weiteren Entwicklung mitzumachen.

Serviceplan Group_Florian Haller_5

Florian Haller ist Chief Executive Officer der Serviceplan Group.  Nach seinem Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen und Stationen bei der Werbeagentur Lintas in New York sowie Procter & Gamble in Brüssel und Genf stieg er als Geschäftsführer der Agentur Serviceplan Campaign bei der Serviceplan Group ein. 2000 wechselte Haller als Geschäftsführer in die Holding. Im Juli 2002 wurde er CEO der Serviceplan Group, die er durch konsequente Internationalisierung als führende Agenturgruppe mit "Houses of Communication" in allen wichtigen Wirtschaftsräumen und über 6.000 Kolleg:innen weltweit etabliert hat.
Was ihn nervt: Gemecker über die EU. Was ihn glücklich macht: Morgens zum House of Communication durch den Englischen Garten zu radeln.

Das MedienNetzwerk Bayern, ist eine Initiative für den Medienstandort Bayern. Durch seine Veranstaltungen und Projekte bringt es die bayerische Medienbranche zu Trends und Herausforderungen der digitalen Transformation zusammen. Es vernetzt sowohl die einzelnen Medien-Segmente (also zum Beispiel Audio, Film oder Presse) untereinander als auch über Branchengrenzen hinweg (etwa mit der Automobilbranche, der Medizin oder der Wissenschaft). Das MedienNetzwerk Bayern ist Teil der Medien.Bayern GmbH.

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