Die Kluft bei der barrierefreien Transformation

Ergebnisse der Community-Umfrage zu Barrierefreiheit

Die gesetzlichen und gesellschaftlichen Anforderungen an die Barrierefreiheit stellen die Verlagsbranche vor eine größere Transformationsaufgabe. Doch wie weit sind die Unternehmen tatsächlich und wo drückt der Schuh am meisten?

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Published: 3.6.2026 | Foto: Magnific

Eine dpr-Stichprobe in Kooperation mit Reemers Publishing Services liefert Einblicke in den aktuellen Umsetzungsstand. befragt wurden 53 Verlage, darunter Fachverlage, Publikumsverlage, Bildungsverlage und Wissenschaftsverlage – „Stichprobe“ bedeutet: Dies ist keine breitflächige Markterhebung, sondern signalisiert lediglich Trends.

Die Ergebnisse machen deutlich: Den einen Buchmarkt gibt es bei der Umsetzung nicht. Vielmehr zeigt die Analyse eine tiefe Segmentierung entlang der jeweiligen Geschäftsmodelle.

Während der digitale Reifegrad und die gewählten technologischen Standards (PDF vs. EPUB) stark variieren, offenbaren sich auch bei den Hürden und Vertriebsstrukturen gravierende Unterschiede. Die Auswertung zeichnet das Bild zweier gegensätzlicher Welten – auf der einen Seite der handelsgetriebene Publikumsmarkt, auf der anderen Seite der auf Eigenvertrieb und komplexe Strukturen ausgerichtete Bildungs-, Fach- und Wissenschaftsbereich.

Die Branche ist in Bewegung

Die gute Nachricht vorweg: Das Thema Barrierefreiheit ist in den Chefetagen und Produktionsabteilungen angekommen. Die Umfrage zeigt, dass sich die absolute Mehrheit der teilnehmenden Unternehmen bereits aktiv mit der Umsetzung auseinandersetzt.

  • Prozesse im Wandel: Bei knapp 45 % der befragten Verlage sind die erforderlichen Anpassungen der Publikationsprozesse bereits in vollem Gange.

  • Die Vorreiter: Immerhin rund 25 % der Unternehmen geben an, dass die notwendigen Systeme und Geschäftsprozesse bereits störungsfrei laufen.

  • Konzepte und Technik: Weitere 13 % arbeiten derzeit an einem entsprechenden Konzept, während knapp 8 % sich mitten in der Beschaffung der nötigen Technik und Software befinden.

  • Die Nachzügler: Nur eine kleine Minderheit von rund 6 % hat sich nach eigenen Angaben noch nicht intensiv mit der Thematik beschäftigt.

Dies verdeutlicht, dass der gesetzliche Druck Wirkung zeigt – die überwiegende Mehrheit der Verlage hat die konzeptionelle Phase bereits hinter sich gelassen und befindet sich mitten in der Realisierung.

Die technische Umsetzung: EPUB schlägt PDF

Beim Blick auf die konkreten technischen Bereiche wird deutlich, wo die größten Herausforderungen liegen. Die technische Umsetzung variiert stark je nach Format und Plattform:

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Die Zahlen spiegeln ein bekanntes Dilemma der Branche wider: Das offene und ohnehin flexiblere EPUB-Format weist mit über 28 % den höchsten Grad an bereits abgeschlossenen Umstellungen auf. Demgegenüber steht das PDF-Format, das zwar bei über der Hälfte der Befragten (ca. 53 %) "in Arbeit" ist, sich in der Praxis jedoch oft als deutlich starrer und komplexer in der barrierefreien Aufbereitung erweist. Auch bei den Vertriebskanälen (Websites/Webshops) und den ONIX-Metadaten ist der Handlungsbedarf nach wie vor hoch: Hier befindet sich der Großteil entweder noch in der Umsetzungs- oder in der Planungsphase.

Stellenwert: Pflichtbewusstsein statt Begeisterung

Welche Bedeutung messen Verlage der Barrierefreiheit für ihre eigene Zukunft bei? Hier offenbart die Umfrage ein pragmatisches, fast ernüchtertes Bild.

Für fast die Hälfte der Befragten (49,06 %) hat das Thema zwar einen hohen Stellenwert – allerdings primär aus Gründen der gesetzlichen Compliance. Barrierefreiheit wird hier als notwendige Pflichtaufgabe verstanden, um rechtlichen Konsequenzen zu entgehen.

  • Strategischer Vorteil? Nur rund 24,53 % sehen in der Barrierefreiheit einen echten Wettbewerbsvorteil gepaart mit einer gesellschaftlichen Pflicht.

  • Neutralität: Gut 26,42 % stehen dem Thema neutral oder eher unwichtig gegenüber.

Dass die Begeisterung in Teilen der Branche verhalten bleibt, liegt auch an den ausbleibenden Impulsen aus dem Markt. In den anonymen Kommentaren der Umfrage wird deutlich, dass viele Verlage bisher schlicht keine Kundenanfragen zu diesem Thema erhalten haben. Entsprechend gering ist im Moment der Glaube daran, dass durch die Barrierefreiheit kurzfristig völlig neue, zahlungskräftige Zielgruppen erschlossen werden können.

Der digitale Reifegrad nach Verlagstyp

Die wirtschaftliche Bedeutung des Digitalgeschäfts variiert stark je nach Verlagstyp, was auch den Druck zur Umsetzung der Barrierefreiheit erklärt:

  • Wissenschaftsverlage: Haben den höchsten Digitalisierungsgrad. Bei 67 % der Befragten liegt der Digitalanteil am Umsatz bei 31–60 % , weitere 17 % liegen sogar über 61 %.

  • Fachverlage: Zeigen ein stabiles digitales Fundament. 42 % erwirtschaften einen Digitalanteil von 11–30 % , während 35 % sogar bei 31–60 % liegen.

  • Publikumsverlage: Bilden das Schlusslicht beim digitalen Umsatz. Bei fast der Hälfte (47 %) liegt der Digitalanteil bei unter 10 %.

  • Bildungsverlage: Präsentieren ein stark fragmentiertes Bild. Während 27 % unter 10 % liegen , haben weitere 27 % bereits einen Anteil von 31–60 % – auffällig viele (36 %) können oder wollen hierzu keine Angabe machen („weiß ich nicht“).

Die große technologische Kluft: PDF vs. EPUB  nach Verlagstyp

Der spannendste Unterschied liegt in den verwendeten Standards. Hier spaltet sich der Markt komplett entlang der Produktstrukturen:

  • 
Publikumsverlage setzen auf EPUB & Web: Für sie spielt das PDF-Format eine untergeordnete Rolle (nur 14 % nutzen PDF/UA). Stattdessen dominieren hier zu jeweils 43 % der EPUB Accessibility Standard und die WCAG (für Web/Shops).

  • Wissenschafts- und Bildungsverlage sind PDF-getrieben: Wissenschaftliche Arbeiten und Schulbücher basieren stark auf festen Layouts. Entsprechend dominiert hier PDF/UA als Primärstandard (Wissenschaft: 46 % , Bildung: 45 % ). EPUBs spielen in Bildungsverlagen (18 %) eine deutlich kleinere Rolle als im Publikumsmarkt.

Unterschiedliche Hürden bei der Umsetzung (nach Verlagstyp)

Obwohl der Mangel an Ressourcen überall spürbar ist, setzen die Verlagstypen unterschiedliche Schwerpunkte bei ihren größten Problemen:

  • 
Publikumsverlage leiden unter akutem Personalmangel: Für stolze 40 % sind fehlende personelle Kapazitäten die mit Abstand größte Hürde – finanzielle Mittel folgen erst weit dahinter (27 %).

  • 
Bildungsverlage kämpfen mit Rechtsunsicherheit: Neben dem Personalmager (23 %) werden hier vor allem unklare rechtliche Vorgaben/Auslegungen (23 %) als primäre Hürde genannt. Das deutet darauf hin, dass die Anforderungen an komplexe, interaktive Bildungsmaterialien rechtlich schwerer zu greifen sind.

  • 
Fach- und Wissenschaftsverlage scheitern am Budget: Bei beiden Typen stehen die hohen Kosten / finanziellen Mittel an Platz 1 der Hürdenliste (Fachverlage: 26 % , Wissenschaft: 31 % ).

Vertriebskanäle und die Abhängigkeit von Dritten

Die Struktur des Vertriebs beeinflusst maßgeblich, wie autark Verlage agieren können – insbesondere bei der Bereitstellung barrierefreier Webshops oder Metadaten:

  • 
Die Abhängigkeit der Publikumsverlage: Die befragten Publikumsverlage vertreiben ihre E-Books zu 70 % über externe Händler (wie Amazon, Tolino etc.). Nur 25 % nutzen einen eigenen Webshop. Sie sind extrem darauf angewiesen, dass die Verkaufsplattformen die Barrierefreiheit unterstützen.

  • Die Autonomie der Fach- und Bildungsverlage: Hier steuern die Verlage den Vertrieb viel stärker selbst. Der eigene Webshop / Direktvertrieb ist der führende Kanal (Bildung: 53 % , Fachverlag: 51 % ). Für diese Verlage hat die barrierefreie Optimierung der eigenen Plattformen eine deutlich höhere Priorität.

Fazit

Während Publikumsverlage primär ein strukturelles Personalproblem im Umgang mit EPUBs für den externen Handel haben, kämpfen Fach-, Bildungs- und Wissenschaftsverlage mit Budgetfragen und Rechtsunsicherheiten bei der Transformation komplexer PDF-Dokumente für den eigenen Direktvertrieb.